Im zarten Alter von fünf Jahren konnte ich die Frage nach meiner Leibspeise ohne ein Zögern beantworten: leckeres, bestes Zitroneneis, lautete die schnell hervor sprudelnde Antwort. Mein Schlaraffenland war eine arktische Landschaft, angefüllt mit dieser Köstlichkeit. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es morgens, mittags und abends grosse Portionen Zitroneneis gegeben. Leider ging es aber nicht nach mir…

 

Wenig später beugte ich mich der Doktrin, der wahrscheinlich alle Kinder in diesem Land folgen: Mutters Frikadellen sind die besten. Aussen knusprig-braun angebraten, innen schön locker, serviert mit grünen Bohnen und Pellkartoffeln – auf letztere beiden Beilagen konnte ich immer gut verzichten. Am leckersten waren die Hackkrümel, die in der schweren gusseisernen Pfanne im Fett zu kleinen Fleischcroutons ausbrieten.

 

Als Zwanzigjähriger, das Abitur frisch in der Tasche, vom Wehrdienst befreit und mit Aussicht auf einen Studienplatz, bezog ich meine erste Wohnung: ein Zimmer, Bad und Kochnische. Ich hatte alles, was ich brauchte. Einen Kühlschrank mit einem winzigen Gefrierfach und einen Herd mit Backofen. Schnell avancierten Tiefkühlpommes zu meinem Lieblingsessen. Ketchup oder Mayonnaise sorgten für Abwechslung. Nach etwa einem Jahr, als ich begann selbst wie eine Kartoffel auszusehen, suchte ich nach einer Wohnung mit einem kochenden Mitbewohner.

 

Heute zeigt sich meine Frau verantwortlich für meine Leibspeise. In ihrer Kastaniensuppe könnte ich baden. Leider ist dieses Gericht Teil unseres alljährlichen Weihnachtsschmauses und bislang konnte ich sie nicht dazu bewegen, die Suppe öfter auf den Tisch zu bringen. In der letzten Zeit beobachte ich, wie eine alte, neue Leidenschaft meinen Gaumen erobert: Zitroneneis! An lauen Sommerabenden auf der Terrasse in einem kühlen Glas Sekt…


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